Das riesige Stadion ist bis auf die letzten Ränge besetzt. Zwei Männer im Anzug haben sich für einen noch besseren Blick auf das Spielfeld erhoben. Obwohl kein Match stattfindet, wirken sie gespannt. In der Arena selbst stehen zwar einige Figuren, aber alle Aufmerksamkeit gilt den Bäumen hinter ihnen. Inmitten des Sportplatzes wächst ein Wald. Mit dem Titel seiner Zeichnung „Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur“ legt der Künstler Max Peintner nahe, dass die Stadionbesucher Eintritt für die Betrachtung der Bäume bezahlt haben. Durch die Wolkenkratzer am Horizont erscheint das Gehölz wie der letzte Rest Vegetation in der Betonlandschaft der Großstadt.

Ein total reguliertes Tal, 1972

„Ich habe nie in Betracht gezogen, dass meine Idee verwirklicht werden könnte“, sagt Max Peintner im Interview über die Idee, die er 1970/71 mit Bleistift auf Papier gebracht hat. Es liegt zweifellos am feinen Humor der Zeichnung, dass sie über die Jahre in Schulbüchern in vielen Ländern abgebildet wurde. Hier wird die Bedrohung der Natur nicht didaktisch mit erhobenem Zeigefinger, sondern über eine Gedankenfigur vermittelt: Stell dir vor, den Wald gibt es nur mehr als Ausstellungsstück! Mit dieser Fiktion war der Künstler seiner Zeit weit voraus, wurde das Problem des Waldsterbens doch erst in den 1980er-Jahren breit diskutiert.

In den Boomjahren der Nachkrieszeit wurden fleißig Straßen gebaut und Autos verkauft; erst langsam setzte sich die unangenehme Erkenntnis durch, dass Abgase eine schädliche Wirkung haben. Bereits 1969 – im Jahr der Mondlandung – veröffentlichte Peintner erste futuristische Zeichnungen. Sein im Eigenverlag publiziertes Heft trug den Titel „Sechs Beiträge zur Zukunft. Technik- und Zivilisationskritik unter dem Deckmantel der Utopie“. In präzis-realistischem Stil thematisierten diese Bilder die moderne Mediengesellschaft, die Landschaft nur mehr aus dem Autofenster oder auf einem Bildschirm wahrnimmt.

Mittag, 1974

Mit seinem Entwurf „Autobett“ erdachte Peintner ein Schlafzimmer, auf dessen Wand der Blick durch eine Windschutzscheibe projiziert wird. Die Benützer dieses medial aufgepimpten Schlafmöbels sollten auf der Matratze liegend den Blick auf vorbeiziehende Hochhäuser am urbanen Highway genießen. Die Ironie dieses Entwurfs wird spätestens im Untertitel klar: „Begleitung durch Geräusch und Vibration. Regelung der Filmgeschwindigkeit über das Gaspedal, die Pedale links zum Umschalten auf Überhol-Film.“

Peintners frühe Papierarbeiten stehen im Zusammenhang mit den utopischen Architekturen, die seine Wiener Weggefährten Walter Pichler und Hans Hollein damals beschäftigten. Die Kollegen präsentierten bereits 1963 in der Galerie nächst St. Stephan Entwürfe monumentaler Stadtmodelle und Bunkerbauten, die an Science-Fiction gemahnten. Peintner hatte selbst an der Akademie der bildenden Künste Architektur studiert, aber der Bezug zur Landschaft interessierte den Sohn eines Tischlermeisters mehr als ein revolutionärer Architekturbegriff. Das zeigt etwa sein satirischer Entwurf für „Verschiebbare Hügel und künstliche Wolken zur Belebung eintöniger Autofahrten“. Der Künstler treibt die Entfremdung gegenüber der natürlichen Umwelt auf die Spitze: Landschaft und Himmelsphänomene werden zur Kulisse, die je nach Unterhaltungsbedarf mobilisiert werden können.

In seinen frühen Dreißigern reiste Peintner nach New York und las regelmäßig Wissenschaftsmagazine aus den USA wie Scientific American oder Discover. Zum Broterwerb arbeitete er damals als Werbegrafiker und auch in seinen eigenen Zeichnungen griff er Versatzstücke der Reklame auf. Der Einfluss der amerikanischen Konsumkultur spiegelt sich in etlichen Arbeiten wieder. Aus einer Coca Cola-Werbung stammt ein Paar attraktiver Segler, das Peintner in seiner Zeichnung „Die Verdunklung Amerikas durch stationäre chinesische Satellitenkontinente. Anfangsphase. Ansicht vor der kalifornischen Küste“ aufgriff. Wie das gewaltige Raumschiff aus dem Sci-Fi-Film „Independence Day“ (1996) schiebt sich eine Plattenstruktur über den Pazifik.

Die Verdunkelung Amerikas, 1970

Die Gefahr unbemerkt im Rücken, blicken die Limonadentrinker optimistisch nach vorne. Dass Peintner seinem „Satellitenkontinent“ ausgerechnet eine chinesische Herkunft gibt, lässt seine fast fünfzig Jahre alte Zeichnung aktueller denn je erscheinen: China ist gegenüber dem Westen wirtschaftlich und technologisch längst auf der Überholspur.

Viele seiner damaligen Arbeiten wären „reine Kalauer“ gewesen, sagt Peintner im Gespräch. Der Künstler war aber 1969 doch schon so stark von der Durchschlagskraft seiner bewusst schlechten Witze überzeugt, dass er sie anführende Medien im deutschen Sprachraum verschickte. Zu seiner Überraschung sprang die Süddeutsche Zeitung auf den bissigen Humor des in Wien lebenden Tirolers an und veröffentlichte einen ganzseitigen Artikel über ihn. Das sei ein „Kaltstart“ gewesen, der in der Folge zu Ausstellungseinladungen der Kunsthalle Baden-Baden und der Kunsthalle Kiel führte. 1977 wurden seine Arbeiten auch auf der documenta 6 in Kassel gezeigt.

Bei allem Sarkasmus durchzieht Peintners Frühwerk auch eine düstere Tendenz. „Mein eigenes Fesselgrab“ titelt die Zeichnung eines Wasserbeckens, in dem ein mit Seilen befestigter, länglicher Ballon schwimmt. Die auf der Oberfläche schwebende Kapsel trägt Name und Geburtsdatum des Künstlers; der Sterbetag ist noch offen. Makaber wirkt auch das Bild „Familiengrab als provisorischer Swimmingpool“. Zwei Badende sind hier vor einem Wasserbecken mit einem Grabstein platziert, während sich das Kreuz im Wasser spiegel.

Familiengrab als provisorischer Swimmingpool, 1970

Dürfen die Sonnenanbeter darin schwimmen, bis sie das Zeitliche segnen? Noch zynischer kommt die Bleistiftarbeit „Autobahngräber“ daher, in der eine Fernstraße den Blick zum Horizont führt. Auf den Asphalt sind mit weißer Markierungsfarbe Kreuze gemalt, sowie Namen und Lebensdaten Verstorbener vermerkt. Ein Memento für Unfallopfer? Der Titel legt eher einen Friedhof zum Darüberpreschen nahe.

Der Tod hat bei Peintner aber auch noch ein anderes Gesicht: Die ausgebeutete, zubetonierte Natur hat nichts Lebendiges mehr. Das Bild „Ein total reguliertes Tal“ („Macht euch die Erde untertan“) macht den kritischen Impetus des studierten Bauingenieurs besonders deutlich. An die Stelle von bewachsenen Böschungen treten hier gepflasterte Oberflächen, die den felsigen Bergeinschnitt wie mit einer Schuppenhaut überziehen. Anstelle von Bäumen ragen Strommasten zum Himmel. Das Panorama „Garten“ konterkariert seinen Titel, zeigt es doch keine Pflanzen, sondern bloß ein vertrocknetes, steiniges Flussbett. Wenn bei Peintner Wasser fließt, dann nur über betonierte Staustufen.

Als Bergfex und Wildwasserfahrer war sein Sinn für die Einfassungen der alpinen Landschaft zweifellos geschärft. „Wir waren damals alle auf diesem morbiden Trip“, antwortet der heute 80-jährige Künstler auf die Frage, warum der Tod in vielen seiner Arbeiten aus den 1970er-Jahren so eine wichtige Rolle spielt. Der Kalte Krieg und das Wettrüsten hätten seine Generation geprägt. Die nukleare Bedrohung rückte bald in Form der Kernkraft näher. Als 1978 das Atomkraftwerk Zwentendorf in Probebetrieb gehen sollte, schloss sich der Künstler mit Freunden zu einer Widerstandsaktion zusammen. „Zwentendorf: Es ist fünf vor zwölf “ stand auf dem Plakat, das sie wenige Tage vor der Volksabstimmung am 5. November 1978 affichierten. Für die Illustration fiel die Wahl auf Peintners Zeichnung „Mittag“, die ein Flugzeug kurz vor seinem Crash in eine Bergwand zeigt.

Autobett, 1969

„Max war ein glühender Zwentendorf-Gegner“, erinnert sich der ehemalige Kunsthochschulprofessor Christian Reder, der mit Peintner den Protest organisierte. „Wir plakatierten auch rund um den Zentralfriedhof, weil am nächsten Tag Allerheiligen war und die Leute die Gräber besuchten“, erzählt Peintner über die nächtliche Aktion. Allerdings schritt nach kürzester Zeit die Polizei ein und riss die Plakate ab. Für Reder war der Widerstand gegen das AKW Zwentendorf, das bei der Volksabstimmung schließlich mit 50,47 Prozent abgelehnt wurde, ein wichtiges Lebenszeichen der Zivilgesellschaft.

„Geistig waren wir Vorläufer der Grünen“, sagt er zu dem ökologischen Bewusstsein, das um jene Zeit erwachte. Ab 1982 wirkte der Projektleiter und Kulturpublizist am Aufbau der Wiener Stadtzeitung Falter mit. In dem linksliberalen Wochenmagazin wurden gesellschaftspolitische Debatten ausgefochten, aber auch Kunst bekam viel Raum. Als die Redaktion 1982 beschloss, Kunstwerke auf den Zeitungs-Covers zu publizieren, wurde auch ein Bild von Peintner ausgewählt.

„Die Idee dahinter war, das künstlerische Bild in den öffentlichen Raum tragen“, erklärt der Falter-Gründer Armin Thurnher, der auf diese Weise Zeitungskioske zu Ausstellungsflächen machte.

Die Wiener Kunstszene sei damals sehr überschaubar gewesen, erinnert sich Reder. Man traf sich in nicht mehr als drei, vier Lokalen und kam über Gott und die Welt ins Gespräch. Die Künstlerinnen und Künstler, die etwas bewegten, waren wie Peintner fast alle „Zugereiste“ aus der lokalen Bourgeoisie stammten nur wenige. Das Fehlen eines heimischen Kunstmarkts – kommerzielle Galerien eröffneten erst Mitte der 1980er Jahre –hätte einen Freiheitsraum bedeutet. Peintner war nicht nur durch seine Zeichnungen bekannt, sondern auch durch die wichtige Monografie „Otto Wagner 1841–1918. Unbegrenzte Großstadt, Beginn der modernen Architektur“, die er 1964 gemeinsam mit Heinz Geretsegger veröffentlicht hatte. Die Clique rund um Walter Pichler und den Architekten Raimund Abraham, zu der auch Peintner gehörte, wurde aufgrund ihrer eleganten Anzüge „Englische Flotte“ getauft. Ein Fotoporträt zeigt den 30-jährigen Künstler stilvoll gekleidet – keine Spur von einem Tiroler Naturburschen oder einem rebellischen Bohémien.

Max Peintner bei der Eröffnung von FOR FOREST

„Ich finde visionär, dass sich Peintner so früh und so vehement dem Ökothema widmete“, betont Falter-Herausgeber Thurnher, der dessen Zeichnungen als „technokritische Ikonen“ lobt. Im Sommer 1984 unternahmen sie gemeinsam einen langen Fußmarsch durch die Hainburger Au, um das Gelände zu sichten, wo ein Wasserkraftwerk errichtet werden sollte.

Die geplante Verbauung dieser naturbelassenen Flusslandschaft hat Peintner zutiefst empört. „Mein Freund Walter Pichler hatte mir nach einem Familienausflug in die Au erzählt, dass dort Düsenjäger exerzierten“, erinnert er sich an den Moment, als ihm die Problematik erstmals zu  Ohren kam. Im Winter 1982/83 startete der Umweltverband WWF Österreich die Kampagne „Rettet die Auen“. Ein paar Monate später publizierte Peintner im Falter den Text „Die Namen sind die Dinge“ in dem er aus gegebenen Anlass über den Clash von Zivilisation und Natur reflektierte.

Das Schreiben nahm im Schaffen des Künstlers seit Ende der 1970er Jahre eine wichtige Rolle ein. Die Ebenen Bild und Text fungierten dabei unabhängig voneinander. Sein poetisch-philosophischer Stil grenzte ihn von jedweder Öko-Propaganda ab. Peintner ging es um Grundsätzliches, das er mit seinen Assoziationen einkreiste. In der Frage Hainburg spitzte sich die Lage im Dezember 1984 auf verhängnisvolle Weise zu.

Max Peintner im Wörthersee Stadion

In jenen bitterkalten Wintertagen, als Tausende Naturschützer in die Au strömten, heulten immer wieder die Motorsägen auf. Um das große Gelände zu schützen, übernachteten die Gegnern des Wasserkraftwerks in Zelten. Untertags verhinderten sie die Rodung, indem sie Bäume umarmten. Den Demonstranten standen Hundertschaften von Polizei, Bauern und Holzarbeitern mit schwerem Gerät gegenüber, die auf ein Signal der Politik zum Vorrücken warteten.

„Keiner wusste damals, was passieren würde“, sagt Reder über die Nacht vom 19. Dezember 1984, in der es zu gewaltvollen Zusammenstößen zwischen Au-Besetzern und der Polizei kam. Sogar Bundeskanzler Fred Sinowatz hatte bei einem Interview im Fernsehen ängstlich gewirkt. Auch Peintner war damals vor Ort. In seinem Falter-Artikel „Mir wern kan Gärtner brauchen“ schilderte er, wie ein Arbeiter blindlings mit der Kettensäge auf irgendeinen Baum losgegangen war. In die Kameras der Fernsehjournalisten verkündete der ungehaltene Holzfäller: „Wir werden eisern bleiben!“

Echte Haltung bewies für Peintner sein Kollege Friedensreich Hundertwasser, der in Hainburg aus Protest vor den laufenden Kameras seine 1981 erhaltene Auszeichnung des Großen Österreichischen Staatspreis zerriss. Hundertwasser stellt in der österreichischen Nachkriegskunst einen der wenigen Künstler dar, der wie Peintner die in der Gegenwartskunst wieder so virulente Ökothematik aufgriff.

Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur, 1970/71

Auch wenn sich Peintner ab 1976 stark mit Fragen der Wahrnehmung auseinanderzusetzen begann, sind auch diese nicht von der Umweltthematik zu trennen. Wie müssten wir die Natur und auch unseren eigenen Körper sehen, hören,  riechen und tasten, damit die Zerstörung ein Ende nehmen würde? In Berufung auf den Wiener Wissenschaftsphilosophen Ernst Mach widmete sich Peintner mit Buntstiften und Ölkreiden der „Analyse der Sinnesempfindungen“. Aber die Umweltproblematik holte den Künstler mit ganz konkreten Schrecken ein. Als er 1986 im österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig ausstellte, schrieb er über die Katastrophe von Tschernobyl. „Was tun“ lautet der Titel des Beitrags, in dem er eine Verbindung zwischen Hainburg und dem Super-GAU herstellt

„Während wir unsere Aufmerksamkeit den Strahlen zu wenden mussten, ist im übrigen auch in Österreich der Wald in aller Stille dazu übergegangen, „flächenhaft“ abzusterben“, schreibt Peintner und prangert die Fixierung auf den motorisierten Straßenverkehr an. Die Natur habe begonnen, „unberührbar zu werden“ und die Qualitäten einer „bloßen Bildschirmwelt" anzunehmen. Diese Zeilen des Künstlers muten in der gegenwärtigen Informationsgesellschaft aktueller denn je an. Schon seine Zeichnung vom Wald im Stadion veranschaulicht diese Distanz. Haben wir vielleicht bald so eine Angst vor der Natur, dass wir sie wie ein Tier im Käfig halten müssen? Das ist eine andere Lesart der Zeichnung. Die „ungebrochene Anziehungskraft“ rührt schließlich auch daher, dass der  Mensch auch in einer hochtechnologischen Umgebung selbst noch ein Stück Natur bleibt.

„Wir brauchen uns nicht geschlagen zu geben; aber eine Chance, der Vernichtung zu entgehen, haben wir nur dann, wenn wir uns nicht weiterhin schrittweise in die Zumutungen eingewöhnen lassen“, mahnt Peintner im Hinblick auf Tschernobyl. „Wir dürfen nicht vergessen, wir dürfen nicht zur Tagesordnung übergehen, als wäre wieder einmal nichts gewesen“. In Zeiten, in denen der Klimawandel von führenden Politikern und mächtigen Lobbys in Abrede gestellt wird, lohnt der Rückblick auf die Kämpfe der Vergangenheit ebenso wie die Auseinandersetzung mit diesem kritischen Künstler.

Nicole Scheyerer