Einen schönen Nachmittag Ihnen und auch Ihnen.

Ich muss leider diesem wunderbaren Wald den Rücken zudrehen, um mich Ihnen zuwenden zu können.


They paved paradise and put up a parking lot.

They took all the trees and put 'em in a tree museum

And they charged the people a dollar and a half to seem 'em


Sie haben das Paradies gepflastert und dort einen Parkplatz gebaut.

Sie haben alle Bäume genommen und sie in ein Baummuseum getan,

Und sie verlangten einen Dollar fünfzig um sie zu sehen.


Das war die Vision auch aus 1970 der damaligen Sängerin Joni Mitchell in ihrem Lied „Big yellow Taxi“ und 1970 ist auch das Datum von Max Peintners Zeichnung. 1970 hat man Menschen, die sich mit so etwas beschäftigen als Spinner, als Hippies und als Öko-Fanatiker bezeichnet. Menschen die man nicht ernst nehmen muss.

Ich selbst bin Jahrgang 1970 und in diesen fünfzig Jahren hat sich viel verändert in der Natur. 1970 produzierte die Welt 35 Milliarden Tonnen Plastikmüll, heute 400 Milliarden Tonnen. Darunter allein 480 Milliarden PET-Flaschen pro Jahr. Das sind 20 Tausend verkaufte Einwegflaschen pro Sekunde. Der Erdöl-Verbrauch hat sich in dieser Zeitspanne verdoppelt, und das obwohl wir auch alternative Energien verwenden.

Ich möchte Sie nicht lange mit Zahlen langweilen, aber wenn wir bis 2050 auf diese Weise weitermachen oder sogar mit den Zielen, die sich die Staaten heute setzen dann wird es in London die Temperaturen haben wie in Barcelona und wir werden alle die Temperaturen haben, von dem was heute noch 500 Kilometern im Süden liegt. Das letzte Mal, als es solche Temperaturen gab und als so viel CO2 in der Luft war, war übrigens vor 3 Millionen Jahren, als die Arktis Eisfrei war und die Meeresspiegel um bis zu 20 Meter höher.

Wir stehen hier vor einem geschützten, musealen Wald, einer dystopischen Vision. Ist das alles Alarmismus, wenn man über solche Dinge spricht und katastrophale Szenarien entwirft? In Kärnten ist es kein Problem, dass es zu wenig Wald gibt. Im Gegenteil, man fährt durch eine wunderschöne, bewaldete Landschaft. Aber der Regenwald brennt im Moment und auch das klingt noch nicht so, dass man es wirklich begreifen kann. Der tropische Regenwald auf der ganzen Welt, produziert etwa 20 Prozent des Sauerstoffs, den es auf der Erde gibt. Aber allein in diesem Juli, vor zwei Monaten, hat die Erde 1.300 Hektar Regenwald verloren.

Der Rauch der Brände in Brasilien erreicht Orte in 2.000 Kilometer Entfernung und wenn Sie sich das vergegenwärtigen wollen - schauen sie sich dieses Stadion an und jetzt verzehnfachen sie es und dann verdreifachen Sie es nochmals und denken Sie an die Größe von 30 Fußballstadien - so viel Regenwald verliert die Welt nicht pro Monat, nicht pro Woche, nicht pro Tag, sondern pro Minute.

Das hieße, dass wenn ganz Kärnten von Wald bedeckt wäre, würde es etwas weniger als einen Monat brauchen, um es kahl zu schlagen. Das ist das Tempo, mit dem wir im Moment leben. Für den Kärntner Wald wie gesagt, ist das nicht so sehr ein Problem, für den Kärntner Wald gibt es ein anderes Problem, und das ist die Tatsache, dass die Bäume sehr spezifische Bedingungen brauchen, denn sie brauchen nicht nur Wasser zum Gedeihen und die Trockenheit setzt ihnen zu, sondern sie brauchen auch unglaublich viele Mikroorganismen und andere Tier- und Pflanzenarten um gedeihen zu können. Es fängt zum Beispiel damit an, dass sie die Nährstoffe aus dem Boden aufnehmen können über Mikroorganismen, mit denen die Wurzeln zusammenleben. Wenn sich das Klima ändert, dann ändert sich auch die Flora im Boden und dann können diese Bäume nicht mehr so wachsen, wie sie das davor taten.

Dies ist ein wunderbarer Mischwald der eigentlich diesem Klima angemessen wäre, ob er das in fünfzig Jahren so sein wird, dass wird ein bisschen an uns liegen und wo wir schon beim Mischwald sind, wir brauchen mehr Mischwälder, denn die Baumplantagen, die wir vielerorts haben, sind noch anfälliger für zum Beispiel Schädlinge wie den Borkenkäfer. Da gibt es durchaus politische Parallelen. Auch Gesellschaften funktionieren besser als Mischwälder und nicht als Monokulturen.

Den Wald haben wir den größten Teil unserer Geschichte gegenüber als etwas Gegebenes hingenommen. In früheren Zeiten galt er sogar als Bedrohung. Zivilisation passierte innerhalb der Mauern und draußen war der Wald, wo nicht nur Wölfe und Bären waren, sondern auch böse Geister und Hexen. In den Wald traute man sich nicht hinein. Dann aber haben wir uns ermächtigt durch Technologie und Wissenschaft und dann wurde der Wald zu Plantage, einer passiven Ressource. Er wurde bedroht, er wurde umgewidmet, er wurde abgeholzt und inzwischen ist er längst auf unsren Schutz angewiesen.

Aber in dieser Selbst-Ermächtigung, durch unsere Technologien haben wir auch etwas gelernt, eine uralte Weisheit, die jeder Politiker und Politikerin kennt - Macht, macht einsam und wer die Macht hat vereinsamt leicht. Und seltsamerweise bietet der Wald eine Antwort darauf, eine kleine oder vielleicht eine große Perspektivenveränderung. Denn jeder Baum braucht andere Organismen um leben zu können. Andere Bäume bis hin zu winzigen Sporen im Boden. Jeder Baum kann nur leben durch Netzwerke und Symbiosen.

Und vielleicht liegt darin auch so etwas wie der Anfang einer Vision, denn es kann ja nicht nur um apokalyptische Gedanken gehen und um die Abholzung von Regenwäldern. Sondern es muss auch darum gehen wie sich das ändern lässt. Und es lässt sich nicht nur ändern durch Emissionshandel durch CO2-Steuern oder durch andere Instrumente, die man politisch durchsetzen kann, es kann und muss sich ändern, wenn wir und alle anfangen anders zu leben.

Und das fällt uns schwer, das fällt uns aus einem einfachen Grund schwer. Wir sind aufgewachsen in der Kultur, in der wir aufgefordert werden „Mach dir die Erde untertan, du bist der Herr der Schöpfung“ und die Erde ist so eine Art totes Territorium, was du ausbeuten kannst, was du benutzen kannst, sie ist immer da, sie steht immer zur Verfügung. Wir lernen gerade, dass das nicht so ist.

In alten Mythen war die Erde immer ein Teilnehmer an den Geschichten, als Göttin Gaia, als Nymphe, als Meeresgott, hatte sie immer etwas zu sagen zu den Menschen und hat selbst eingegriffen in ihr Schicksal und vielleicht ist es an der Zeit, zu begreifen, dass die alten Mythen gar nicht so dumm waren. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir nicht Herren und Herrinnen der Schöpfung sind, sondern dass wir ein winziger, ein unbedeutender Teil eines gigantischen Netzwerks sind. Das wie Bäume auch nicht überleben kann ohne die Symbiose mit sehr vielen anderen Arten und Organismen und das es uns, wenn es denen schlechter geht, auch schlechter gehen wird.

Wir können das aber umdrehen. Es muss nicht nur heißen, dass wenn es denen schlechter geht, uns schlechter geht. Holz kann auch tatsächlich ein Teil der Lösung sein. Acht Prozent der CO2 Emissionen weltweit kommen vom Bauen mit Beton und Sand. Wir könnten mit Holz bauen und das einmal gebundene CO2 in Form von Gebäuden, weiter gebunden halten. Wir könnten wieder aufforsten und wenn Sie irgendwohin fliegen und glauben, dass das nötig ist, dann vergessen Sie nicht zu kompensieren und etwas für die Wiederaufforstung eines Waldes zu zahlen. Es kostet nicht sehr viel und Sie fühlen sich nicht nur besser damit, Sie machen auch tatsächlich einen Unterschied.

Irgendwann werden wir begreifen müssen, dass wir kein Eigentum an der Natur haben, sondern das wir sie nutzen können und treuhänderisch weitergeben, irgendwann müssen wir Wälder, Meere und anderes umändern in ein Global-Commons, was allen zur Verfügung steht, die es brauchen und dann begreifen wir vielleicht die wichtigste Lektion, die uns ein Wald geben kann und das ist die Verbundenheit von allem mit allem. Wenn heute der Regenwald in Brasilien brennt, dann ist das unser ureigenes Interesse, dass da verletzt wird und wenn wir 80mal soviel Ressourcen verbrauchen wie Menschen im subsaharischen Afrika, dann ist das denen auch nicht egal.

Wir können diese Verbundenheit nicht leugnen und Joni Mitchell die ich am Anfang zitiert habe, die hat auch darüber nachgedacht und sagt am Ende desselben Liedes:

„Don't it always seem to go

that you don't know what you've got

'till it's gone“.

Scheint es nicht immer so zu sein, dass man nicht weiß was man hat bevor man es verloren hat.

Herr Littmann, und alle die hier mitgearbeitet haben, haben uns eine Erinnerung gegeben daran und haben das getan, was zeitgenössische Kunst tun kann, uns ein Bild in den Kopf setzen, das uns so bald nicht mehr aus den Kopf gehen wird und mit diesem Bild in dem Kopf, vielleicht können wir anfangen anders, auch mit anderen Stücken Wald zu interagieren als mit Wald der in einem Stadion behütet wird.

Herzlichen Dank.




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Bild: © Arnold Pöschl