Literatur #forforest

In Kooperation mit dem Robert Musil-Institut entsteht eine neue Literaturreihe: Literatur #forforest.
Im Rahmen von author@musil wurde Mladen Savić im März eingeladen, sich am kulturellen Leben in Klagenfurt mit Texten, Vorlesungen und Workshops zu beteiligen. Viele der geplanten Veranstaltungen konnten aufgrund von Covid-19 allerdings nicht stattfinden.

Regenwetter vor dem Abschied

Der Mai ist vorbei und heuer eher kühl gewesen, zum Ausgleich sozusagen für den warm-trockenen, sehr sommerlichen April. Mir scheint, das Wetter spinnt wieder. Die Radiatoren bei mir zu Hause heizen zum Beispiel. Bis auf ein paar Badewettertage bislang ist auch die erste Junihälfte recht kalt ausgefallen – auf jeden Fall unter der erwarteten Durchschnittstemperatur. Das Klima, denke ich mir immer öfter, ändert sich sichtlich. Wohl muss es allen auffallen, auch wenn sie mit anderen Dingen beschäftigt sein mögen. Die Jahreszeiten weichen auf und bilden keine festen Einheiten mehr. Die Temperaturschwankungen von Woche zu Woche, von einem Tag auf den nächsten sind vergleichsweise größer geworden – als neue Natürlichkeit im Ausschlagen der Kurve. Das Extrem nistet sich ökologisch in die Normalität ein und verkürzt so die Zeit zur natürlichen Anpassung.

Es regnet wieder, doch diesmal ausgiebig. Bis zur Berieselung prasseln die Tropfen abwechselnd auf den blechernen Fenstersims. Und obwohl ich Regen nicht sonderlich mag oder zu genießen weiß, muss ich zugeben, dass mich seine Klänge und sein Geruch auf eigentümliche Weise beruhigen. Der Natur tut es gewiss gut. Pflanzen brauchen eben Wasser. Überhaupt riecht die Luft dann frischer. Dafür ist der Himmel deutlich dunkler. Ich selbst freue mich mäßig, aber mein inneres Ringen mit den Witterungen belustigt mich auch irgendwie. In Voltaires philosophischem Wörterbuch findet sich die wendige Frage des skythischen Bauern Dundendak, gerichtet an den griechischen Theologen Logomachos, wozu ein Gebet zu dessen Gott schon tauge und mit welchem Recht man sich Sonne für die Laune wünschen könne, wenn der Nachbar sich Regen für Feld und Saat wünsche. Ähnliches spielt sich in mir ab, wenn der Verstand meiner trüben Stimmung spottet.

In zwei Wochen etwa sollte ich Celovec bzw. Klagenfurt wieder verlassen. Da kommt die persönliche Prise Trübsal wahrscheinlich her. Mein Mandat, wenn man so will, läuft hier aus. Im Gebäude des Musil-Instituts werden vor dem Herbst keine Veranstaltungen mehr stattfinden. Terminlich hat sich einiges verschoben. Die For-Forest-Villa, wo während der Corona-Krise Musikerinnen und Musiker ohne Einnahmen sich getummelt und für etwas Taschengeld ihre Lieder aufgenommen haben, wird mich vermissen. Unter ihnen hat es auch andere Künstlerinnen und Künstler mit würzig-interessanten Geschichten gegeben: professionelle Tontechniker mit absolutem Gehör auch für Zwischentöne, körpernahe Kunstprojektanten mit kaputten Brillen, schlitzohrige Theaterleute mit Eheproblemen, begabte Schauspieler mit einmaligen Sprechblockaden, Poeten des großen Blabla, Tänzer mit manischen Anfällen und ihre Verteidiger, Maler mit bäriger Stimme und großem Herzen.

Gefühlter Maßen habe ich kaum Zeit gehabt, Stadt und Leute genügend kennenzulernen. Die ersten Eindrücke formen sich bereits zu letzten. Doch das Glück, die Bekanntschaft besonderer Personen zu machen, die mir meinen hiesigen Aufenthalt mit wahrlich menschlichen Begegnungen versüßt haben, ist nicht von meiner Seite gewichen. In einem Atelier namens „Favela“ habe ich so etwas wie emotionale Familie getroffen, woran ich eigentlich gar nicht mehr glaube, und unabhängig von all den unmöglichen bis unheimlichen Zufällen, die dort zusammenlaufen, das gesellige Trinken als gesundes Ventil wiederentdeckt. Im Gasthaus „Pumpe“ habe ich in einem überdachten Innenhof unter einem Baum unlängst mit einem lieben Kollegen zu Mittag gegessen. Im berühmten Theatercafé, und dies wird womöglich eigenartig klingen, habe ich den gesamten Trupp der Kärntner Mondlandung miterlebt, samt Kamerateam, und auf Einladung eine dosierte Portion Gulasch gegessen. Das ist dort so.

Mein literarisches Engagement zu Umweltthemen, wie ursprünglich beabsichtigt, wirkt auf mich selbst im Nachhinein zum Teil unbeholfen und verworren: zu wenig von der Umwelt und zu viel von mir als Literat. Andererseits lässt sich das biologische Leben vom individuellen und sozialen niemals völlig trennen. Davon erhoffe ich mir Absolution. Die gemeinsamen Parameter von Mensch und Welt, welche die Biozönose als eine Gemeinschaft von Organismen bestimmen, könnten, sofern erkannt und anerkannt, auch zur Versöhnung von Kultur und Natur dienen. Wenn ich nur daran denke, dass da draußen in Form von Managementvorgaben, genannt ISO 14.000, internationale Normen zum Schutz der Umwelt vorhanden sind und über 50.000 verschiedene Organisationen in 120 Ländern, von UNEP bis WWF, die allesamt keinen praktischen Schritt weiter kommen unter den weiterhin unantastbaren Imperativen der Wirtschaft und des Handels – wird mir zuweilen regelrecht übel.

Fast fürchte ich mich davor, zu langweilen und mich zu wiederholen. Indes kann die Wahrheit, ob unbequem, beschwerlich oder verschüttet, nicht oft genug gesagt, ausgesprochen und nachgereicht werden. Mächtige Worte zur Verteidigung eines sinnvollen Zusammenlebens mit der lebenden Natur stoßen beim schlussendlichen Machtwort des Kapitals auf ihr eigenes, gestopftes Maul. In Krisenzeiten spürt man es mehr als sonst. Dafür bürgt der bürgerliche Staat, der das materielle Gefälle, die Warenproduktion und die Umweltzerstörung so verwaltet, dass das Toxische daran einstweilen massenhaft verträglich bleibt. Das Ganze läuft ungeachtet seines definitiven Ablaufdatums dennoch wie geschmiert. Zu schnellen Schlüssen lasse ich mich dadurch aber nicht verleiten.

Das ungeheure Anwachsen der postfaktischen Dummheit bedeutet keineswegs eine endgültige Zusage der Massen für ihr Programm, sondern lediglich eine unbewusste Absage an das bestehende, nationalstaatliche System und dessen Untauglichkeit für die gemeinschaftlichen Wege der Zukunft, und zwar auf allen Ebenen. Auch ist sie Ausdruck der Hilflosigkeit und Verwirrung von unzähligen Kleinbürgern, deren Aluminiumhüte auch in Demonstrationen vor der Kärntner Landesregierung aufblitzen und deren lächerliche Parolen gegen Impfpflicht und 5G-Hochfrequenzelektronik mehr von sagenhafter Unwissenheit und unverarbeiteter Bevormundung künden als vom reinen Wahnsinn. Allerdings ist es anderswo um das Bildungswesen und Bewusstsein noch schlimmer bestellt. In den Vereinigten Staaten von Amerika existiert sogar eine „Flat Earth Society“ mit Millionen Anhängern, wohlgemerkt: „all around the gobe“ …

Vielerlei müsste derweil bedacht werden, um in einer bewohnbaren, besseren Welt zu landen statt in einer mehr und mehr unbewohnbaren, verdummten, untergehenden: sozio-ökonomischer Hintergrund, Trinkwasserversorgung, Landflächennutzung, Waldzustand, Artenreichtum, Küstenlandschaften, Atmosphäre, urbane Gebiete, Mikroklima, industrielle Verschmutzung, Ressourcenabbau, Naturkatastrophen usw. Wenn ich mir auch nur flüchtig vor Augen führe, was denn alles zu bedenken und zu begreifen wäre, um adäquat zu handeln, welche Mengen an Wissen und aufrechtem Interesse vonnöten wären, um strategischer vorzugehen, wie sehr doch die Zeit drängt, um die Menschheit von Kapital und Idiotie zu befreien, wird mir stets ein bisschen schwindelig. Natürlich ist es machbar – nur eben nicht im Kapitalismus! Entweder siegt die Intelligenz, von der die meisten gerne behaupten, sie entbehre einer eindeutigen Definition, so als wäre sie dadurch hinfällig, oder wir verschwinden als Spezies allesamt. Dies ist meiner Meinung nach der springende Punkt in diesem Millennium. Dabei wissen wir das Wichtigste ohnehin, nämlich, dass niemand von dieser Erde entfliehen kann.

Die geografisch, klimatisch und historisch bedingte ungleichmäßige Entwicklung der Regionen, bekannt auch als Kolonialismus und Imperialismus, hat zuerst zu einem Ungleichgewicht zwischen Güterproduktion und Leistungsverteilung geführt und im Anschluss zu einem Missverhältnis zwischen sozialer Entwicklung und rationalem Umgang mit natürlichen Ressourcen. Abholzung und Brandrodung hängen auf diese Weise miteinander zusammen, die großflächige Ausbeutung von Bodenschätzen mit dem Verschwinden selbstversorgter Lebensweisen, die Bewässerung mit der Versalzung, die Umwandlung in Agrarflächen mit Landzerstörung usw.

Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen schlicht keine Vorstellung von den destruktiven Dimensionen haben, zumindest keine anschauliche in Zahlen. Sonst wäre Ernährungssicherheit als globales Zukunftsproblem für sie auch in der Provinz ein reges Thema. Land wird als Anbaufläche unbrauchbar infolge von Korrosion nach Bewässerungsmaßnahmen (56%), Erosion durch Wind und Wetter nach Abholzung (28%), Vergiftung nach Pestizidanwendung (12%) und anderen Formen (4%) nach Auslaugen des Bodens, Brandrodung usw. Faktisch handelt es sich um zwei Milliarden Hektar Agrarland, welche das kapitalistische System in den letzten vier Jahrzehnten zerstört hat (15% der agrarisch nutzbaren Erdoberfläche), wobei die Gesamtfläche der Erde, wo Boden unter den Füßen liegt, insgesamt 13,4 Milliarden Hektar beträgt. Weltweit sind nicht mehr als 1,45 Milliarden Hektar Ackerland übrig. Davon entfallen nur noch 260 Millionen Hektar auf menschliche Nahrungsmittel, bereits 55 Millionen Hektar auf Biotreibstoffe und üppige 1030 Millionen Hektar auf tierische Futtermittel. Ich selbst frage mich, wenn ich derlei Zahlen zusammenklaube, was das für mich hier und jetzt im Klagenfurter Umfeld bedeuten könnte, und fühle mich überfordert, sowohl informativ als auch emotional.

Vom dramatischen Waldrückgang ganz zu schweigen. Um 1900 herum sind 12% des Planeten mit Wald bedeckt gewesen, nunmehr sind es nur noch ungefähr 7,8%. Jährlich verringert sich der Regenwaldbestand um 12 Millionen Hektar mit steigender Tendenz. Aus einem mir nicht ganz einsichtigen Grund werden diese schwindenden Flächen in den Massenmedien meist in Fußballfeldern angegeben. Im Jahrestakt wird die Menge des in Wäldern gebundenen Kohlenstoffs um jährlich eine Gigatonne netto reduziert, was klimaaktiven Kohlensäure-Emissionen von vier Gigatonnen entspricht. Das sind für wissenschaftlich geschulte Ohren horrende Zahlen.

Die sogenannte Informationsgesellschaft ist, Hand aufs Herz, schlecht informiert in jeder Hinsicht und von notwendiger Allgemeinbildung und wissenschaftlichem Weltbild meilenweit entfernt. Zwar haben alle von saurem Regen schon gehört und wissen vage Bescheid um den Schaden am globalen Baumbestand. Die Säureskala mit dem ph-Wert von 1 bis 14 sagt ihnen höchstens vom Hörensagen etwas: 1 heißt sauer, 7 neutral und 14 alkalisch. Saurer Regen zwischen ph-Wert 5 und darunter vergrößert die Konzentration von Schwermetallen, verhindert das Aufgehen von Keimen, greift Rinde und Blattwerk an, wäscht aus der Erde zum Wachstum unverzichtbare Mineralien heraus und tötet mit einer Säurekonzentration unter 3 allerlei Bakterien, Pilze, Amphibien und Fische. Unter einem ph-Wert von 5 sterben Frösche, unter einem von 4 Forellen, unter einem von 3 jedweder Fisch und Meeresgetier, sodass selbst die Möglichkeit zur Bildung von Schalen und Krusten völlig versagt. So steht es also um unsere Nahrungskette. Bei diesen Gedanken blicke ich in den Himmel hinauf und hoffe auf eine prometheische Wendung, ganz gleich aus welcher Richtung. Was ich jedoch sehe, ist kein rettender Prometheus, kein leuchtender Perun oder polternder Thor, sondern allein dichte Wolken und graue Fäden voller saurer Regentropfen.

Mladen Savić

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