Literatur #forforest

In Kooperation mit dem Robert Musil-Institut entsteht eine neue Literaturreihe: Literatur #forforest.
Im Rahmen von author@musil wurde Mladen Savić im März eingeladen, sich am kulturellen Leben in Klagenfurt mit Texten, Vorlesungen und Workshops zu beteiligen. Viele der geplanten Veranstaltungen konnten aufgrund von Covid-19 allerdings nicht stattfinden.

Erinnerungen an morgen

Als ich noch ein Kind gewesen bin, ein wenig Traummännlein und allmählich an die Schultasche gewöhnt, hat mich eines Tages ein Albtraum aus dem Schlaf gerissen und wörtlich in den Schweiß getrieben, und ich habe ihn seines Gefühls halber nie vergessen: Nach dem Pflücken einer frischen Feige öffne ich das Gartentor und hopse, den Meeresgeruch in der Nase, bergab zum Strand, um nach ein paar Schritten übergangslos im Wiener Waldmüller-Park zu landen, vor einer vereinsamten Pagode gleich am Straßenrand, gegenüber einer zinnoberroten Ziegelmauer … als mir plötzlich auffällt, dass meine Feige weg ist und ich währenddessen keine Fliege und keinen Vogel bemerkt habe, keine Grille, keinen Käfer, weder Hund noch Eichhörnchen, nicht einmal einen Moskito. Ich blicke mich um, ich lausche, aber – vergebens. Alles tierische Leben ist verschwunden, scheint es. An diesem Punkt befällt mich Panik. Es fühlt sich, obwohl ich von da und dort menschliche Stimmen höre, geradezu gespenstisch an. Da torkelt ein Greis wie eine auf Fäden hängende Puppe auf mich zu, starrt versteinert und spricht, ohne zu sprechen, meine schlimmste Befürchtung aus: „Es gibt nur noch uns!“

Im Nachhinein neige ich dazu, den Stoff des Traums für kaum kindlich und recht abstrakt zu halten, doch das mag inhaltliche Nachdichtung sein oder ein Deutungsüberschuss. Jedenfalls bin ich damals jäh aufgewacht und auf unbestimmte Weise betroffen dagelegen, in Sorge darüber, dass wir Menschen uns in diese Richtung bewegen könnten, weiß Gott oder der Teufel warum. Immer noch erinnere ich mich, wie langsam nur die Enge in der Brust nachgelassen und wie lange es insgesamt gedauert hat, das Ziehen, die Beklemmung, der Schreck. Woher diese urige Angst des Augenblicks? Gottes Ebenbild ganz unter sich! Innerlich und für mich – eine Horrorvision, bis heute. Mit Sicherheit weiß ich noch, dass das Ganze ungefähr in die Zeit gefallen ist, als an der dalmatinischen Küste der Seeigel seltener und am Südpol das Ozonloch größer geworden ist. Eines habe ich in der Familie, das andere in der Schule erfahren. Und die österreichischen Grünen haben sich gerade gegründet, in Klagenfurt übrigens, wie ich unlängst nachgelesen habe.

Die Vorstellung nun, dass die Menschheit alles tilgt, ausnahmslos nämlich, ist unvorstellbar, gleich aus mehreren Gründen, von denen einer eindeutig ihr Ende wäre. Der phylogenetische Stammbaum, gelegentlich Baum des Lebens genannt, weist nicht allein auf die Allverwandtschaft aller Lebewesen hin, sondern auch auf deren gegenseitige Abhängigkeit, wobei zum Überleben bekanntlich die höheren Lebewesen von den niedrigeren mehr abhängen als umgekehrt. Mag die Kirche noch so sehr an ihrer „Krone der Schöpfung“ festhalten – sie irrt, auch wenn es womöglich gut gemeint gewesen ist. Ich selbst finde nicht minder, der Mensch sei das Höchste, Wertvollste und Schönste. Wiederum, wir alle müssen lernen, Wechselwirkungen denken zu können, Folgewirkungen, Zusammenhänge. Sonst wird es nicht besser.

Gleichzeitig drückt jene Albvorstellung meiner Kindheit, das Bildnis einer verstümmelten Mutter Natur ohne Getier, in ihrer Überzeichnung eine tatsächliche Tendenz aus, die als Anlage im Menschen enthalten ist. Wir töten ja Tiere, und ich sage das nicht, weil ich gerne Vegetarier wäre. Es ist kniffliger: Wir töten Pflanzen, Tiere, Menschen, Habitate, einfach alles. Der Tötungsdrang ist uns evolutionär eingeschrieben, aber kulturell nicht austariert, geschweige denn überwunden. Macht steht über Logik, die Gewalt der Gegebenheiten weiterhin über der Stimme des Verstands. Wir sind wirklich imstande, uns selbst auszulöschen, als Gattung ganz und gar, sei es durch Atomwaffen, sei es durch die Übersäuerung der Meere oder die Rodung der tropischen Lungenflügel der Erde. Trivial ist meist nur der Umgang damit. Doch darin hat die Angst meines sonderbaren Traums, bis zu seiner Bedeutung destilliert, ihren Anteil an der Wirklichkeit, welche noch weit sonderbarer sein muss, wenn sie solch eine Absurdität zulässt.

Schon der Begriff des Lebensraums vermittelt sprachlich, dass es sich eben um Raum handle, also um begrenztes Gut, wo gelebt wird und Leben möglich sein soll. Das Wort erklärt sich eigentlich von selbst. Das Konzept davon hinkt hingegen irgendwie hinterher. (Tief gefehlt, haben die Nazis es überhaupt gleich in eine Todeszone verwandelt …) Die Umweltzerstörung zeigt, zumindest neben der nicht-artgerechten Haltung der Menschheit, diesen unsäglichen Umstand an seiner natürlichen Grenze auf, wo Raum zum Leben über kurz oder lang wegfällt oder zur Falle wird, und auch dann, wenn sich hin und wieder die zerstörerische Kraft der Natur entfesselt, etwa in Form von Katastrophen bar unserer Kontrolle.

Vor dem Eintritt ins Gymnasium, und das ist seinerseits über dreißig Jahre her, bin ich thematisch erstmals dem Treibhauseffekt und der Polkappenschmelze über den Weg gelaufen. Ich weiß noch, was dies an kindlicher Erschütterung in mir ausgelöst hat. Der Anstieg des Meeresspiegels hat mich innig beschäftigt, allem voran als Schicksal der Welt, die ich kenne: Häuser, Straßen, Parks und Plätze – unter Wasser. Und die vielen Menschen? Eines Abends habe ich eine Drahtspule und Klebeband aus der Werkzeugkiste sowie Tassen und Trinkgläser aus der Küche mit ins Badezimmer genommen. Mein Meisterplan hat darin bestanden, ein Gerüst zu basteln, welches die Gläser nebeneinander halten würde, wenn ich sie, jeweils gefüllt mit Wasser, kopfüber aus der vollen Wanne hochhebe, bis zum Rand und nicht darüber, wodurch der Wasserspiegel wieder sinkt. Meiner hereingeplatzten, mitunter belustigten Frau Maman, die Teile ihres Geschirrs vermisst hat, habe ich daraufhin mit kolossalem Ernst aus der Badewanne heraus zu erklären versucht, dass wir auf dem offenen Meer riesige Wasserspeicher bauen könnten, um das Ärgste zu verhindern und Holland, wo die bunten Blumen herkommen, vor der Flutung zu retten. Was die Erderwärmung betrifft, bin ich völlig planlos gewesen, und das Ausnahmeklima, das ich niemals habe erleben wollen, gehört mittlerweile zur neuen Normalität wie das Bienensterben samt Dürren, Bränden, Plagen und weißen, touristischen Kunstschneestreifen auf grünen, schneelosen Alpengipfeln.

Mein Verständnis von Katastrophe, muss ich anmerken, ist alles andere als altgriechisch gewesen – das katastrophale Ereignis: nicht als entscheidender Wendepunkt in einem Drama, sondern als Schauder vor der Sinnlosigkeit so einer einseitigen Endlichkeit, vor dem unnötigen Verlust von gemeinsamem Lebensraum, vor der fehlenden Lebensbejahung als solcher. Schließlich kann es auch anders sein, habe ich mir als Kind gedacht. Zu meiner Verteidigung muss ich dazusagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt meiner Entwicklung wenig geahnt habe von der Allmacht selbstverstärkender Idiotie in Politik und Ökonomie. Das Richtige würde sich schon durchsetzen, hat meine naive Hoffnung mir nahegelegt: Man müsste es den Politikern nur verraten und erzählen, es ihnen sagen. Ist das nicht süß? Das ökologische Bewusstsein ist seither gewachsen.

Die Menschen müssten „aufhören, nach den Maximen der Vergangenheit zu leben“, sagt Isaac Asimov 1971 in einem Essay über unseren sterbenden Planeten: „Sie haben im Verlaufe ihrer Geschichte einen Verhaltensstil entwickelt, der einer leeren Erde und einer kurzen Lebenserwartung angemessen ist. In einer solchen Welt war es geboten, viele Kinder zu haben, einen Zuwachs an Menschen und Macht anzustreben, in den endlosen Raum vorzudringen und sich für einen begrenzten Teil der Menschheit einzusetzen. All das kann heute nicht mehr gelten.“

Wenn ich jetzt die Plakate und Aussagen der jugendlichen Demonstranten betrachte, bemerke ich, dass der nächste Reifegrad längst erreicht ist und die Naivität meiner Tage sich in der Jugend verflüchtigt hat unter dem zynischen Gegenwind der Profiteure und Umweltsünder. Einerseits freut es mich, andererseits nicht, denn der fordernde Ton der Klima-Bewegung stellt nur insofern einen Fortschritt dar, als er der Verschärfung der Verhältnisse auch angepasst ist, wobei die Botschaft einer Severn Cullis-Suzuki vor dem Umweltgipfel in Rio 1992 der Ansprache einer Greta Thunberg vor den Vereinten Nationen 2019 im Grundtenor ähnelt. An der industriellen Nekrophilie des Kapitalismus hat sich nichts geändert. Der Umweltschutz ist insgesamt zu spießig, um die gesamte Produktionsweise, auf der unsere zukunftslose Existenz beruht, so infrage zu stellen, dass diese Idee auch zur materiellen Gewalt wird, die die notwendigen Veränderungen gegen den Willen der Mächtigen und schneller als nach institutioneller Fasson erzwingt.

Das Sinnvolle wird wohl scheitern, denke ich mir ruckartig, und der Massenselbstmord der Gattung siegen. Sobald es um Interessen geht, wird jede Lüge wahr. So sind wir leider: halb aufgeklärt in halbierter Aufklärung. Ich hebe meinen Kopf vom Blatt Papier vor mir und lege den Stift weg. Draußen ist es still und dunkel. Alle schlafen tief und fest. Auch ich werde mich niederlegen und hoffentlich in dieser Nacht nichts träumen.

Mladen Savić

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